Unbarmherzig  

Die Lawine ist die mächtigste und unberechenbarste Naturgewalt der Alpen. Die Retter sind die große Hoffnung im Kampf gegen die Schneemassen – nicht nur für die Opfer, sondern für eine ganze Industrie  

Von Ann-Kathrin Eckardt und Dominik Prantl

Auf der Haideralm in Südtirol schneit es, der Wind peitscht die Flocken vor sich her. Zu neunt ist eine Gruppe aus Ludwigsburg trotz des schlechten Wetters unterwegs. Schon am Vormittag haben sie immer wieder die Piste verlassen, um durch Tiefschnee zu gleiten. Verboten ist das nicht, doch an diesem Tag herrscht Lawinenwarnstufe drei, erhebliche Gefahr. Die Gruppe ist sich des Risikos offenbar bewusst: Gegen 14 Uhr queren die Deutschen den Unglückshang zur Sicherheit einzeln. Beim letzten Fahrer löst sich ein 150 Meter breites Schneebrett. Sechs aus der Gruppe können sich in ein Waldstück retten, einer wird verschüttet, kann sich aber befreien. Ein elfjähriges Mädchen und seine 45 Jahre alte Mutter jedoch werden von den Schneemassen erfasst. Nach einer halben Stunde werden Mutter und Tochter unter einer 70 Zentimeter dicken Schneedecke gefunden – direkt übereinander. Der Airbag der Mutter liegt laut Medienberichten noch zusammengefaltet im Rucksack, wahrscheinlich hat die Mutter versucht, ihrer Tochter zu helfen. Eine fatale Entscheidung.

Live dabei

Nirgendwo auf der Welt werden Lawinen so umfassend dokumentiert und gemessen wie beim renommierten WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos. Auf ihrem Versuchsgelände im Vallée de la Sionne lösen Wissenschaftler Lawinen per Sprengung aus (siehe Video oben), um mit Hilfe dutzender Sensoren Eigenschaften wie Geschwindigkeit oder Aufpralldruck zu messen. Bekannt ist das SLF außerdem für das Lawinenbulletin, das während der Wintersaison (November bis ca. Mai) zweimal täglich veröffentlicht wird.

Zwei Tage später sterben in Osttirol zwei 26-jährige Männer aus Bayern. Auch sie sind gut ausgerüstet, echte Ski-Asse. Nahe Kals am Großglockner werden die beiden mittags von einem 100 Meter breiten und 400 Meter langen Schneebrett verschüttet. Da die Retter kein Signal des Lawinenverschüttetensuchgeräts, kurz LVS, empfangen, das die beiden bei sich tragen, müssen sie den ganzen Lawinenkegel absuchen. Erst kurz vor Anbruch der Dunkelheit können sie einen der beiden bergen. Er liegt unter zwei Metern Schnee begraben. Der Versuch, ihn wiederzubeleben, scheitert. Die Leiche seines Freundes findet die Bergwacht sogar erst am nächsten Morgen.

Drei Tage später erreicht die Lawinengefahr in zahlreichen Alpenregionen die vierte von fünf Stufen; gewaltige Schneemassen können sich dann schon bei geringster Belastung lösen. Oder auch spontan. Schweizer Behörden kappen alle Verkehrsverbindungen nach Zermatt in der Schweiz, lassen Skipisten, Wanderwege, Seilbahnen und Straßen schließen, der Zugverkehr wird eingestellt. Etwa 13 000 Touristen sitzen zwei Tage lang in dem Ort am Matterhorn fest. Auch in Italien sind zahlreiche Straßen gesperrt. In Sestriere fallen binnen 48 Stunden mehr als zwei Meter Neuschnee. Eine Lawine überrollt ein fünfstöckiges Apartmentgebäude. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt.

Es ist nur eine Auswahl an Unglücken, die sich allein in diesem Monat zugetragen haben. Der Schnee kam in diesem Winter so früh und geballt wie schon seit 20 Jahren nicht mehr. Auch in den vergangenen Tagen herrschte in den Alpen vielerorts wieder Warnstufe vier.

Seit der Mensch die Alpen für sich erschlossen hat, ist er von Lawinenabgängen bedroht. Schon Hannibal soll bei seiner Alpenüberquerung 218 vor Christus die Hälfte seiner 20 000 Soldaten und viele Elefanten dadurch verloren haben. Die Lawine ist bis heute die mächtigste und unberechenbarste Naturgewalt der Alpen. An keinem anderen Naturereignis lässt sich in unseren Breitengraden das Verhältnis von Mensch und Natur besser beschreiben. Der Mensch hat Flüsse umgelenkt und Gebirgszüge durchbohrt, er hat auf windigen Gipfeln Häuser gebaut und Seilbahnen gespannt. Aber Lawinen verhindern oder sie auch nur genau vorhersagen, das kann er bis heute nicht. Die große Hoffnung sind die Retter – nicht nur für die Opfer, sondern für eine ganze Industrie.

Der Lawinen-Prophet

An einem sonnigen Tag Anfang Dezember steigt in Imst, Tirol, ein Ferrari-roter Hubschrauber, Typ Bell 212, in den wolkenlosen Himmel. An Board Rudi Mair und seine beiden Kollegen. Wenn es in den Alpen einen Menschen gibt, der sein Leben dem Schnee und den Lawinen verschrieben hat, dann ist es Mair, oder „der Rudi“, wie ihn hier alle nennen. Der 57-Jährige ist so etwas wie der Prophet der Freerider und Tourengeher in Tirol. Ohne seine Einschätzung verlässt kaum einer von ihnen das Haus. Denn Hänge, auf denen man bei Lawinenwarnstufe eins ziemlich sicher hinabgleiten kann, können bei Stufe drei schnell zur tödlichen Falle werden.

Mair ist Chef des Tiroler Lawinenwarndienstes. Das Land leistet sich einen der professionellsten Warndienste weltweit und hat mit 16 Rettungshubschraubern im Winter die wohl größte nichtmilitärische Hubschrauberdichte der Welt. Das hat seinen Grund: Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der Wintertourismus in vielen Alpenländern zum Milliardengeschäft, allen voran in Österreich. Der ökonomische Druck, Pisten, Loipen und Straßen möglichst lawinensicher zu machen, ist deshalb mindestens so groß wie der, den Schnee überhaupt erst herbeizuzaubern.

Und auch wenn keiner weiß, wie viele Lawinen in den Alpen tatsächlich abgehen, lässt sich sagen: Die Investitionen etwa in Lawinenverbauungen zeigen Wirkung.

K.Gabl., Österr. Kuratorium für alpine Sicherheit  

Kamen in den 50er-Jahren in den Alpen im Schnitt jeden Winter noch 50 Menschen durch Lawinen zu Tode, so sind es heute nur noch halb so viele. Einheimische, die in Gebäuden oder auf Verkehrswegen verschüttet werden, gibt es heute kaum noch. Wäre der Kampf gegen die Lawinen ein Heldenepos, könnte man sagen: Der Held hat den übermächtigen Schneedrachen gebändigt. Zumindest ein bisschen.

Trotzdem ist Rudi Mair in den letzten Jahren so gefordert wie nie: Zum einen treiben wärmere Winter und bessere Ausrüstung die Skifahrer in hochalpines Gelände, das von Natur aus steiler und somit anfälliger für Lawinen ist. Zum andern verlassen immer mehr Wintersportler die Pisten. Allein in Österreich hat sich die Anzahl der Skitourengeher in den vergangenen zehn Jahren mindestens verdoppelt. Schneeschuhgeher und Freerider, also Skifahrer, die mit Skipass abseits der Pisten fahren, kommen noch hinzu. Skigebiete wie Andermatt, La Grave oder St. Anton haben das Tiefschneefahren längst als neuen Markt für eine junge, zahlungskräftige Klientel erkannt. Überspitzt formuliert könnte man sagen: Mair soll dafür sorgen, dass diese Kundschaft und damit das Geschäft überlebt.

Dafür muss er raus, zum Berg. Auch der Lawinen-Prophet kann ihn nicht zu sich holen.

Drei, vier Mal in der Woche geht Rudi Mair selbst in den Schnee.
Drei, vier Mal in der Woche geht Rudi Mair selbst in den Schnee.

Zu Beginn der Saison verschafft er sich erst mal ein Bild aus der Luft. Wo sind bereits Lawinen abgegangen? Wo haben sich Schneeverfrachtungen am Grat, sogenannte Wechten gebildet? Wie viel Schnee liegt überhaupt?

Mair hat für seinen Lagebericht viele Quellen. Eine sitzt bei Weißwürsten auf der Franz-Senn-Hütte im Stubai. Der Wirt versorgt Mair mit lokalen Schneebeobachtungen und einem Glas Weißwein. Eine andere befindet sich ein paar Meter weiter.  

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