Willkommen im Democracy Lab

Die Welt ist in Wallung. Und viele Deutsche sind es auch. Terrorgefahr, Populisten, die Wahl Donald Trumps oder die vielen Flüchtlinge, die ins Land gekommen sind, treiben die Menschen um. Es wird viel geschimpft, geschmäht, gehetzt oder auch gelogen - nicht nur im Netz. Der Ton ist ruppiger geworden, die Diskussionen unversöhnlicher. Das schadet der Demokratie.

"Die liberale Demokratie und das politische, normative Projekt des Westens, sie stehen unter Beschuss", konstatierte Alt-Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Abschiedsrede Anfang des Jahres. Er bezog sich auf jene, die Zweifel an unserer Staatsform säen, die die Rückkehr ins Nationale propagieren, die ausgrenzen und die politische Debatte mit aggressiven Parolen vergiften. Gauck plädierte für eine Kommunikation, die mehr Menschen einbezieht - und setzte damit zum Auftakt des Wahljahres den richtigen Ton.

Wir müssen reden - so viel steht fest. Wie aber kommen wir alle wieder besser miteinander ins Gespräch? Das wollen wir im SZ Democracy Lab herausfinden, einem Diskurs-Experiment zur Bundestagswahl. Dabei reisen wir quer durch die Republik und gehen auch online der Frage nach, was sich aus Ihrer Sicht in Deutschland ändern muss. Und wir wollen konstruktive Debatten über die von Ihnen gesetzten Themen organisieren - im Netz und bei Veranstaltungen an verschiedenen Orten der Republik.

Die Möglichkeiten des Austausches sind heutzutage durch die sozialen Medien nahezu unbegrenzt, der Wortschwall schwappt aus allen Ecken. Mit einer Gesprächskultur, wie sie für die Demokratie essenziell ist, hat das jedoch oft wenig zu tun.

Vor allem die Bereitschaft, andere Sichtweisen zu akzeptieren, fehle häufig, meint der Philosoph Daniel-Pascal Zorn. Die Debattenkultur verändere sich zum Schlechtern, das lasse sich überall beobachten, in den sozialen Medien, auf der Straße, an der Universität. Man gehe lieber davon aus, dass man selbst schon richtig liegt. Das führe zwar zu Debatten. Produktiv seien diese aber nicht. Und die "Das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen-dürfen"-Fraktion verschiebt die Grenzen des Sagbaren weiter.

Doch wie gelingen Debatten in einer fragmentierten, polarisierten Welt, in der die Distanz zwischen Bürgern und Politikern, zwischen Bürgern und Medien und, ja, zwischen Bürgern und Bürgern zu wachsen scheint? Darauf wollen wir Antworten finden in unserem Democracy Lab. Das Projekt besteht aus zwei Etappen:



1. Phase: Zuhören und Themen finden

Am Anfang eines jeden guten Gesprächs steht nicht das Reden. Sondern die Bereitschaft, sich auf den anderen einzulassen und ihm zuzuhören. Unser Projekt beginnt deshalb auch mit dem Zuhören: Wir wollen wissen, was Ihnen wichtig ist, jetzt und hier. Und wie Sie, gerade mit Blick auf die Wahl, die zentrale Frage des Democracy Lab beantworten: Was muss sich in Deutschland ändern? Hier können Sie Ihr eigenes Plakat gestalten und uns so Ihre Meinung mitteilen:


Wir sammeln die Plakate aller Teilnehmer - in der Galerie auf der folgenden Seite finden Sie in Kürze auch Ihr eigenes Kunstwerk wieder.  Und dort sehen Sie übrigens auch, was andere Teilnehmer geschrieben oder gemalt haben und können weitere Plakate gestalten:

Gleichzeitig wollen wir zwölf Tage durch die Republik reisen und mit Ihnen - und Nicht-SZ-Lesern - das Gespräch suchen. Von Dienstag an starten wir eine Reise quer und längs durch Deutschland. Wir fahren - nach der Station in unserer Heimatstadt München - bewusst an den Millionenmetropolen vorbei und lassen Köln, Hamburg und Berlin außen vor. Und wir bleiben an den jeweiligen Haltepunkten nicht im Stadtzentrum, sondern fahren am zweiten Tag dort raus aufs Land: an den Rand, in die Peripherie, ins Umland. Weil Deutschland vielfältig ist und die Stadt anders tickt als das Hinterland.

Unsere Reporterteams wollen in den jeweiligen Regionen herausfinden, welche politischen Themen dort kurz vor der Bundestagswahl besonders bewegen. Wie bei diesen Teilnehmern, die wir vorab befragt haben:

Süddeutsche

Die Gespräche, Eindrücke und Erlebnisse arbeiten wir anschließend in Beiträgen auf. Schicken Sie unsere Reporter zu der Schule, wo Ihre Kinder seit Jahren nur in Containern unterrichtet werden. Nehmen Sie sie mit in die Flüchtlingsunterkunft, wo Sie ehrenamtlich Deutschunterricht geben. Oder zeigen Sie uns die Nachbarschaft, in der Armut und Kriminalität immer beherrschender werden.

An diesem Dienstag starten wir deswegen eine Reise quer und längs durch Deutschland. Mit unserem VW-Bus machen wir erst in München, am Mittwoch dann in Wolfratshausen Station und fahren anschließend weiter in den Norden. Am Donnerstag und Freitag sind die SZ-Reporter in Gelsenkirchen, schlagen einen Haken über Worms und Mannheim am Wochenende, um dann am Montag und Dienstag der darauffolgenden Woche in Bremen Halt zu machen. Am Mittwoch und Donnerstag treffen Sie uns in Frankfurt an der Oder und am Freitag und Samstag in und bei Jena. Dann geht es für unser Team zurück nach München.

Hier der Fahrplan im Überblick:

Dienstag, 27. Juni: München, Tollwood-Festival, 15 Uhr

Mittwoch, 28. Juni: Wolfratshausen, Markstraße, 10 Uhr

Donnerstag, 29. Juni: Gelsenkirchen, Hochstraße, 10 Uhr

Freitag, 30. Juni: Gelsenkirchen, Bahnhofstraße, 10 Uhr

Samstag, 1. Juli: Worms, Obermarkt, 10 Uhr

Sonntag, 2. Juli: Mannheim, Luisenpark, 10 Uhr

Montag, 3. Juli: Bremen, Grasmarkt, 10 Uhr

Dienstag, 4. Juli: Bremerhaven, Platz vor der "Großen Kirche", 10 Uhr

Mittwoch, 5. Juli: Frankfurt/Oder, Oderturm, 10 Uhr

Donnerstag, 6. Juli: Beeskow, Marktplatz, 10 Uhr

Freitag, 7. Juli: Jena, Holzmarkt, 10 Uhr

Samstag, 8. Juli: Ronneburg (Thüringen), 10 Uhr; Schmölln (Thüringen), 14 Uhr

Wie Ihre Einreichungen auf dem Plakat-Tool sammeln wir auch auf unserer Tour Ihre Meinungen und Ideen und werten sie aus.  Besonders häufig genannte, relevante Themen stellen wir online zur Abstimmung. Jeder kann so mitbestimmen, worüber wir bei der zweiten Etappe diskutieren.

2. Phase: Über Lösungen debattieren

Auch hier verzahnen wir online und offline: Im August wollen wir Interessierte bei Diskussionen in mehreren Städten und im Netz mit anderen Menschen ins Gespräch bringen. Im Zentrum stehen die von den Lesern gesetzten Themen. Klassische Podiumsdiskussionen oder Talk-Runden, wie man sie zur Genüge kennt, halten wir dabei für wenig geeignet. Stattdessen wollen wir andere, auch ungewöhnliche Gesprächsformate ausprobieren, bei denen ein echter Diskurs entsteht. Zu den Themen, auf die wir uns fokussieren, erstellen wir ein Dossier mit den wichtigsten Informationen - als Grundlage für die Debatte. Dabei möchten wir Menschen aus verschiedenen Schichten und Altersgruppen, mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlicher Herkunft zusammenbringen. Unser Ziel ist es, nicht bei der Problembeschreibung aufzuhören, sondern konstruktiv nach Lösungen zu suchen und diese auch darzustellen.

Im besten Fall lernen wir bei diesem Projekt nicht nur etwas über die politischen Inhalte, sondern auch über die Frage, wie wir wieder besser miteinander ins Gespräch kommen und debattieren können. Das Democracy Lab ist wie gesagt ein Experiment. Machen Sie mit!


Und wenn Sie noch Fragen oder Anregungen zum Projekt haben - schreiben Sie uns: democracylab@sz.de

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