Wo die Hoffnung liegt  

Ein Jahr nach ihrer Abschiebung: Wie Afghanen auf Lesbos und in Kabul alles daran setzen, um wieder nach Deutschland zu gelangen.

Text: Tomas Avenarius, Bernd Kastner und Jan Heidtmann. Fotos: Jakob Berr und Sandra Calligaro  

Es ist, als wölbe sich die Erde auf, als dränge sie nach oben, eine hässliche Beule inmitten einer wunderschönen Landschaft. Wer nähertritt, erkennt zwischen den grellen Rot- und Gelbtönen, dem Neonorange und dem Blassblau einzelne Rechtecke und Riemen aus Nylon, Polyester, Segeltuch. Die hässliche Beule, das sind Tausende übereinanderliegende Schwimmwesten, verschmutzt, zerdrückt, zerfetzt, dazwischen finden sich Reste von Schlauchbooten, Rudern, Außenbordmotoren. Ein Haufen Hoffnung. Baqer Alizada schaut seinen Freund Hussain Ali Samadi lange an, erstaunt, zweifelnd, fassungslos.

Dann sagt er nur: „So viele Menschen.“ Sie stehen vor dem Berg aus Westen und Bootsresten und verfallen in Schweigen.

Gut möglich, dass in dem Abfallberg auch Samadis und Alizadas eigene Westen liegen. Sie trugen sie am 26. September, als sie frühmorgens mit 33 anderen Flüchtlingen im Schlauchboot auf Lesbos anlandeten, erschöpft, aber erleichtert. Erst nach einigen Stunden wurden sie damals von Helfern gefunden.

Im April vergangenen Jahres hat die SZ die beiden Afghanen in Kabul zum ersten Mal getroffen. Sie waren aus Deutschland abgeschoben worden und hatten erzählt, wie verloren sie sich fühlten in ihrer Heimat, aus der sie geflohen waren. Um sie zu schützen, wurden ihre Namen geändert.

Sechs Monate, bevor die beiden Afghanen an dem Berg aus Rettungswesten stehen, im September, gab es zum ersten Mal wieder ein Lebenszeichen von ihnen. Samadi hatte eine SMS geschickt, dazu ein Foto. „Ich bin der Kapitän“, hatte er geschrieben. Auf dem Bild sah man Samadi im Heck eines Schlauchbootes hocken, wie er die Pinne eines Außenbordmotors umklammert, um den Leib hatte er sich eine grell-orange Schwimmweste gezurrt. Vor ihm lag das Meer, im Rücken, grell orange wie seine Rettungsweste, ging die Sonne auf. Samadi reckte das Kinn nach vorne, wirkte, als sei er zu allem entschlossen. Irgendwo auf dem Mittelmeer muss das gewesen sein. Hussain Ali Samadi, 25 Jahre alt und nur wenige Jahre auf einer Schule, war also wieder auf der Flucht.

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