Pallasseum - 7:00 Uhr

Meliha Ordüz öffnet den Mietertreff KaffeeKlatsch


Meliha Ordüz drückt auf ihrem Balkon noch die Zigarette aus, bevor sie die 50 Schritte zu ihrem Arbeitsplatz läuft. Noch ist es ruhig im Innenhof des Pallasseums. Keine Kinder, die auf dem Spielplatz im Sand spielen oder den Fußball gegen die Hauswände schießen. Es ist kurz nach sieben Uhr, als Ordüz die Tür zum KaffeeKlatsch aufschließt.

Seit zehn Jahren leitet Meliha Ordüz, geboren in der Türkei, ehrenamtlich den Bewohnertreff des Pallasseums. Ein eingetragener Verein. Die 64-Jährige sagt, dass sie weitermachen will, solange sie fit genug ist. Sie ist glücklich, dass es das KaffeeKlatsch gibt. Früher, sagt sie, habe sich im Pallasseum niemand gegrüßt, heute nicke sich fast jeder zu. Das KaffeeKlatsch habe viel Gutes bewirkt.

Vor 16 Jahren wurde der Mietertreff von der Hausverwaltung und dem Quartiersmanagement des Bezirks Berlin-Schöneberg gegründet. Er sollte Konflikte zwischen Nachbarn verhindern – das war zu einer Zeit, als sich vor allem Dealer und Jugendgangs auf dem Gelände aufhielten.

An den silbernen, runden Tischen im Café können die Gäste günstig frühstücken. Die Tasse Kaffee kostet 50 Cent, drei Spiegeleier zwei Euro. Im Nebenraum hängt ein Bild an der Wand. Ordüz an der Seite von Klaus Wowereit. Der ehemalige Regierende Bürgermeister Berlins ehrte sie und ihre Kolleginnen im Jahr 2009 für ihre Bemühungen um die Verständigung zwischen den Kulturen im Pallasseum.

Das KaffeeKlatsch soll die Nationen im Pallasseum zusammenbringen, die Türken, die Araber, die Polen und die Deutschen. Es soll für die Bewohner wie ein zweites Wohnzimmer sein. Deshalb können ihre Kinder einmal die Woche in den Räumen Theater spielen. Deshalb wird einmal die Woche abends gekocht, zusammen, hinter der Theke. Deshalb organisiert Ordüz im Sommer Grillfeste. Es kann kommen, wer will.

Meistens kommen zu diesen Aktivitäten dieselben Bewohner. Es gibt Menschen, die an der Gemeinschaft im Pallasseum Interesse haben. Aber es sind nicht viele.

Nora Heinisch

Das Café wird Ordüz heute schon um elf Uhr wieder zuschließen. Nur eine Handvoll Bewohner werden bei ihr im Raum gesessen, einen Filterkaffee getrunken oder eine Zigarette geraucht haben. Eigentlich hat der Mietertreff des Gebäudes bis zum Mittag geöffnet. Aber ab zehn Uhr wird niemand mehr kommen.

Ordüz spürt, wie schwer es ist, mit knapp 2000 Menschen aus rund 20 Nationen eine Gemeinschaft zu bilden.

1987 ist Ordüz mit ihrem Mann Ali und ihren drei Töchtern ins Pallasseum gezogen. Seit 30 Jahren wohnt sie schon auf denselben 86 Quadratmetern: dritter Stock, Balkon, Blick auf den Innenhof. Ihre älteste Tochter hat mittlerweile ihre eigene Wohnung im Gebäude. Die jüngste Tochter lebt noch bei Ordüz, sie ist schwer behindert. Ihretwegen trat Ordüz vor 16 Jahren in den KaffeeKlatsch e.V. ein: Auf dem Amt habe man ihr damals gesagt, die Tochter müsse lernen, in einem sozialen Umfeld zu leben. Vorher dürfe sie nicht auf eine normale Schule gehen. Also wurde Ordüz Mitglied und nahm die Tochter zu allen Aktivitäten mit.

Es gab Zeiten, erzählt Ordüz, da habe der Verein Weihnachtsfeiern organisiert. Viele türkische und arabische Frauen kamen. Aber nur drei ältere deutsche. Ordüz sagt, dass es Streit gab, als die türkischen Frauen zur Musik tanzen wollten. Die deutschen Frauen wollten nur zuhören. "Das hat nicht gepasst." Irgendwann seien die Deutschen gar nicht mehr gekommen, sie habe dann den Namen geändert, sagt Ordüz. Das Fest heißt jetzt Jahresendfeier.

Ordüz leitet auch die türkisch-muslimische Frauenrunde, die sich im KaffeeKlatsch trifft. Einmal im Monat, an einem Mittwoch, frühstücken alle 22 Frauen gemeinsam. Die Frauen bringen Essen von zuhause mit, Käse, Oliven, Salat. Jede erzähle dann, was ihr auf dem Herzen liege. "Wenn eine glücklich ist, darf sie das auch erzählen", sagt Ordüz.

Sie sagt, dass sie sehr alleine mit der Arbeit ist. Dass sie kaum jemand unterstützt. "Die Frauen, die mir früher geholfen haben, werden alt." Aber auch Ordüz hatte schon einen Herzinfarkt und zwei Schlaganfälle. Noch möchte sie nicht weniger arbeiten, aber sie hätte gerne jemanden, den sie schon jetzt als Nachfolger einarbeiten kann. "Die Frauen sagen immer: Wenn du Hilfe brauchst, können wir was machen. Aber den zweiten Vorsitz will niemand übernehmen."

Der KaffeeKlatsch e.V. hat ein Nachwuchsproblem. "Die jungen Leute wollen sich nicht engagieren", sagt Ordüz. "Die wollen Geld verdienen."

Rebecca Skarabis ist da eine Ausnahme. Die 21-Jährige wohnt seit eineinhalb Jahren im Pallasseum. Sie lebt in einer der wenigen Studenten-WGs im Gebäude, studiert Theaterwissenschaften. Einmal die Woche leitet sie mit zwei Freunden das Kinder- und Jugendtheater im KaffeeKlatsch. Zuletzt haben sie "Romeo und Julia" gespielt. Für ihre Adaption wurden die Capulets und Montagues umgedeutet: In zwei befeindete Gangs aus dem Pallas. Eine Westside-Story in Berlin.

Rebecca Skarabis
Nora Heinisch
Rebecca Skarabis

Skarabis engagiert sich, doch auch sie berichtet von Schwierigkeiten. Und wenn man ihr glaubt, haben auch die ihren Ursprung in der kulturellen Vielfalt des Pallasseums. Skarabis erzählt, dass die meisten Kinder gerne kommen, dass sie die größten Rollen haben wollen, der Star sein wollen. Aber sie habe auch schon viele Probestunden abbrechen müssen.

"Die Mädchen sind taff", sagt sie. "Und die Jungs haben eine Grundaggression, bei der ich nicht weiß, woher sie kommt." Vielleicht sei es etwas Kulturelles, meint Skabaris, vielleicht liege es auch an mangelnder Erziehung. Oft seien die Kinder ohne Aufsicht im Gebäude unterwegs. "Da entwickelt sich so etwas wie eine Kinderanarchie", sagt Skabaris.

Bei Theaterproben fehle oft der Respekt untereinander, die Kinder würden sich beschimpfen, einander Befehle geben. Gegenüber anderen aber würden sie wie eine autonome Gemeinschaft auftreten. Wenn ihr männlicher Kollege dabei ist, seien die Kinder immer gehorsamer. "Eigentlich darf man sich das nicht gefallen lassen", sagt sie. "Andererseits gehört das wohl zu ihrer Kultur."

Skarabis hat das Pallasseum gern, bemüht sich, dass aus vielen Vereinzelten eine Gruppe wird. Die Grenzen dieses Projekts hat sie in den vergangenen Monaten erlebt. Wenn sie mal eigene Kinder haben wird, sagt sie, werden die wohl nicht hier aufwachsen.

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